Mit weichen Knien zum Broadway – Freiberger Knappschaft in New York gefeiert

Das hatte selbst New York bislang noch nicht gesehen: 250 sächsische Berg- und Hüttenleute, die in historischen Uniformen über die berühmte 5th Avenue ziehen. Die Freiberger Berg- und Hüttenknappschaft hatte im September 1997 das unglaubliche Unternehmen in Angriff genommen, mit einer solch gewaltigen Gruppe nach New York zu fliegen und dort an der größten Parade ihres Lebens teilzunehmen. Und da die sächsischen Knappschaftsvereine viele Auftritte gemeinsam absolvieren, hatten sie ihre Kollegen aus Altenberg, Seiffen, Marienberg und Freital zum Mitkommen eingeladen. Das ErgPickeebnis: Bei der 40. Deutsch-Amerikanischen Steuben-Parade am 20. September 1997 in New York bildeten die Bergleute aus Sachsen den größten Block unter den mehr als 50 Trachtengruppen und Vereinen aus Übersee, die gemeinsam mit deutschstämmigen Amerikanern Richtung Broadway marschierten.

Unsere Leute in Manhattan. Die zeigten dem Amerikaner mal, was ‘ne Harke ist. Oder ein Glätthaken. Oder eine Bergbarte. Und erregten Aufsehen. Da ergaben sich im Laufen Kurzdialoge wie der: “Was habt denn ihr da für Werkzeug?” – “Bergmännisches.” – “Ach so, Ruhrpott.” – “Nein, Erzbergbau. Freiberg. Da wurde europäische Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Noch nie gehört?”

Genau um das zu ändern, waren die Knappschaftsmitglieder nach New York gereist, wo Deutschstämmige, von denen viele kaum noch Deutsch können, seit 40 Jahren mit bislang nur westdeutschen Vereinen diese Paraden organisieren.

Die Show bedient so ziemlich allen Dingen, welche die Amerikaner schon immer von den Deutschen gewußt haben wollen: prall geschnürte bajuwarische Mieder, preußische Pickelhauben und Narrenkappen. Dazu Lederhosen, so weit der Horizont reicht. Deutschstämmige Brasilianer, die im Dirndl tanzen, eine schottische Dudelsackgruppe, die “Muß i denn zum Städtele hinaus” intoniert – in New York wunderte sich keiner darüber.

Da fielen die Freiberger sympatisch aus dem Rahmen mit Brauchtum, das nicht am Stammtisch entstanden ist, sondern aus dem Arbeitsleben.

Gut drei Stunden dauerte die Parade, und tausende Schaulustige säumten die Straßen. Zwar fiel kein Konfetti aus den Fenstern, wie es die fernseherfahrenen Sachsen erwartet hatten, und manch einer war stinksauer, weil über den Lautsprecher immer wieder “Freiburg” statt “Freiberg” gesagt wurde. Dennoch – immer fielen mit ungläubigem Staunen Sätze wie: “Hättest du dir das vor zehn Jahren träumen lassen!” oder “Stellt euch vor, die haben in New York die Straßen für uns gesperrt und uns applaudiert!”

“Es war phänomenal, einfach unbeschreiblich. Ich werd’ noch lange brauchen, um das zu verarbeiten”, resümierte Herrmann Fleischer, der als 2. Vereinsvorsitzender die Knappschaft anführte. An seiner Seite marschierten im Bergkittel Oberbürgermeister Konrad Heinze und stellvertretend für die Sponsoren Bernd-E. Schramm. Aber Herrmann Fleischer gab auch ehrlich zu: “Ich hatte weiche Knie, hier vorneweg zu marschieren!”

Nicht weniger Streß hatte manche mitgereiste Ehefrau auf der Tribüne, die nun zur Parade erstmals die teure Videokamera ausgehändigt bekam – mit einem Fünf-Sekunden-Schnellkurs: “Hier guckste durch und da drückste druff! Klar, Muddi?” Und der “Muddi” half auch nur wenig der ergänzende Hinweis, sie könne ja ruhig zwischendurch noch ein paar Fotos fürs Familienalbum knipsen.

Ende gut, alles gut: 16 Uhr war die Truppe wieder komplett bei den Bussen versammelt, erschöpft, aufgewühlt, hungrig und durstig – und bereit für das nächste Ereignis, zu dem nach der Rückfahrt ins Hotel nur noch eine knappe halbe Stunde blieb. Das war die zweite Sensation und “Missionarsarbeit” der Sachsen in Amerika, der “Deutsche Abend” in der Hafenkneipe “Captains Grove”.

Sächsische Bergleute in maritinem Ambiente in Amerika – das mag etwas bizarr anmuten. Aber die Freiberger ließen sich nicht beirren: Sie sangen Bergmannslieder und führten die Uniformen der Gewerke vor, ein Seiffener demonstrierte die Kunst der Reifentierherstellung.

Als Krönung des Ganzen ließen sie sogar einen US-Senator übers Arschleder springen. Genau genommen sprang der wegen seines vorgerückten Alters zwar nicht selber, sondern überließ den sportlichen Teil des Rituals einem guten Freund. Aber er wisse den Akt zu schätzen, meinte Senator “Doc” George Gunther. Schließlich sei sein Großvater Maurer in Anhalt gewesen.

Und um die “Mission” der Freiberger zu vollenden, schleusten diese sogar noch Freiberger Pils in eine amerikanische Brauerei. “Feine Sache”, meinte Brauereichefin Marcy, als ihr Hermann Fleischer und Konrad Heinze das Premium überreichten. Und sie war zutiefst gerührt, die Gruppe inmitten ihrer Brauerei das Steigerlied singen zu hören.

Ein Jahr intensive Arbeit hatte der Vorstand investiert, um die Reise vorzubereiten.

Für die meisten Teilnehmer war es die erste Tour in die Staaten, manch einer war zuvor noch nie aus Deutschland herausgekommen. Und während einige ganz “cool” in Manhattan auf Erkundung gingen und gutgelaunt Spare Rips und Baked Potatoes mit Sour Cream probierten, standen andere mit einer Mischung aus Unsichheit und Staunen vor den Wolkenkratzern, dem turbulenten Straßenleben, den Burger-Shops. Doch mancher kam auch auch ohne ein Wort Englisch gut durch. Episoden machten die Runde wie die von dem Marienberger, der in New York am U-Bahn-Schalter eine Handvoll Münzen hinlegte und zur Kontrolleurin sagte: “Gucke mol noch, ob’s stimmt!” Der ebenso fasziniert wie entsetzt von Chinatown berichtete und immer wieder sagte: “Dos glabt mor ze Hause kaanor!” Und der – erschöpft von der anstrengenden Tour – im Bus einschlief und im Traum so glückselig vor sich hinlächelte, daß jeder wußte: Für ihn ist das hier das aufregendste und schönste Abenteuer seines Lebens.

Ähnlich ist es den meisten ergangen. Streß und Jet-lag, das stundenlange Warten auf den Flughafen, die üblichen Pannen wie beim Flug abhanden gekommene Koffer und Gezähe, die zum Glück aber wieder rechtzeitig auftauchten – das alles war am Ende vergessen.

“Schon allein der Enthusiasmus, mit dem der Vorstand es geschafft hat, 25o Mann nach New York zu bewegen, ist unfaßbar”, zollte Konrad Heinze den rührigen Organisatoren Respekt. “Für mich ist das auch ein Stück verwirklichten Freiheitsdranges. Ich denke, wir haben ein Stück sächsischer Kultur sehr vorteilhaft präsentiert und einmal ein anderes Deutschland-Bild vermittelt… Aber in den Staaten haben wir wirklich noch viel Missionarsarbeit zu verrichten!”

Übrigens hatte der Auftritt noch in Nachspiel; ein ganz charmantes: Im Jahr darauf besuchte die Königin der Steuben-Parade 1997, Sandra Marie Dougall, Freiberg. Begeistert absolvierte die freundliche Deutsch-Amerikanerin Arschledersprung und Löwenritt und schwärmte auch nach ihrer Rückkehr in die Staaten noch ausgiebig von ihrer einzigen Station in Ostdeutschland.

 

von Sabine Ebert

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